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Biologisches Alter messen: Was die Tests taugen

Das Wichtigste in Kürze

  • Epigenetische Uhren lesen chemische Markierungen an der DNA, dem Erbgut — ihr Muster verschiebt sich mit dem Alter regelmäßig genug, dass sich daraus ein Alterswert berechnen lässt. Das ist ein ernsthaftes Forschungsfeld — die erste über viele Gewebe hinweg funktionierende Uhr stammt von 2013 [1].
  • Für den einzelnen Menschen sind sie deutlich unschärfer, als die Anbieter nahelegen: Zwei Messungen derselben Probe wichen bei sechs verbreiteten Uhren um bis zu neun Jahre voneinander ab [2].
  • Was sich tatsächlich beeinflussen lässt, misst man ohnehin einfacher — Ausdauerleistung, Kraft, Blutdruck, Blutzucker.

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Jahre Unterschied zwischen zwei Messungen derselben Probe — allein durch technisches Rauschen, bei sechs verbreiteten epigenetischen Uhren.

Higgins-Chen 2022 · Nature Aging · Wiederholungsmessungen

„Ihr biologisches Alter beträgt 41,3 Jahre.“ Solche Sätze stehen am Ende von Tests, die es inzwischen für wenige hundert Euro zu kaufen gibt: Speichel- oder Blutprobe einschicken, ein paar Wochen später kommt eine Zahl. Die Frage ist nicht, ob dahinter Wissenschaft steckt — die steckt dahinter. Die Frage ist, wie genau diese Zahl ist.

Was eine epigenetische Uhr überhaupt misst

An der DNA, dem Träger der Erbinformation, sitzen chemische Markierungen, sogenannte Methylgruppen. Sie verändern nicht den genetischen Text, sondern regeln, welche Abschnitte abgelesen werden. Ihr Muster verschiebt sich im Lauf des Lebens — und zwar erstaunlich regelmäßig. Genau darum geht es bei „epigenetisch“: nicht um den Text der Gene, sondern um die Schalter, die ihn regeln.

2013 zeigte eine Arbeit, dass sich aus 353 solcher Stellen ein Alterswert berechnen lässt, der über viele verschiedene Gewebe hinweg funktioniert [1]. Das war der Durchbruch: Vorher gab es Schätzungen für einzelne Gewebe, danach eine übergreifende Uhr.

Wichtig zum Verständnis: Die Uhr misst nicht Fitness, Gesundheit oder Krankheitsrisiko. Sie misst ein Methylierungsmuster, das mit dem Lebensalter zusammenhängt. Dass Abweichungen davon etwas bedeuten, ist eine Schlussfolgerung — keine Messung.

Welche Uhr steckt im Test?

„Epigenetische Uhr“ ist kein einzelnes Verfahren, sondern eine Familie von Rechenmodellen. Vier davon tauchen in den Prospekten am häufigsten auf — und sie beantworten unterschiedliche Fragen.

ModellJahrWorauf es trainiert wurde
Horvath2013auf das Kalenderalter, aus 353 Messstellen, gewebeübergreifend [1]
PhenoAge2018auf ein aus Blutwerten und Alter gebildetes „phänotypisches Alter“ [3]
GrimAge2019auf sieben geschätzte Bluteiweiße plus geschätzte Rauch-Packungsjahre [4]
DunedinPACE2022nicht auf ein Alter, sondern auf das Tempo des Alterns [5]
Vier verbreitete epigenetische Uhren. Sie liefern keine vergleichbaren Zahlen, weil sie unterschiedliche Fragen beantworten.

Der Unterschied zwischen den Generationen ist der wichtigste Punkt dieses Abschnitts. Die erste Generation wurde darauf trainiert, das Kalenderalter zu treffen. Sie kann im besten Fall also das nachbilden, was ohnehin im Ausweis steht. Die zweite Generation — PhenoAge und GrimAge — wurde stattdessen auf Gesundheitsdaten trainiert und sagt in den Prüfdaten Sterblichkeit, Herzkrankheit und Krebs deutlich besser vorher [3][4].

DunedinPACE geht noch einen Schritt weiter und misst kein Alter, sondern eine Geschwindigkeit: wie schnell sich 19 Organfunktionen verändern, abgeleitet aus einer neuseeländischen Geburtskohorte, die über zwei Jahrzehnte begleitet wurde [5]. Bemerkenswert für unser Thema: Die Autoren haben Messstellen mit schlechter Wiederholbarkeit gezielt ausgeschlossen — also genau das Problem angegangen, das den Zahlen aus dem vorigen Abschnitt ihre Schärfe nimmt.

Und eine Angabe, die in die Bewertung gehört: Auf DNAm PhenoAge hat die Universität, an der es entstand, eine Patentanmeldung eingereicht; zwei der Autoren sind darin als Erfinder benannt [3]. Das entwertet die Arbeit nicht — es ist in der Forschung üblich. Es gehört nur dazugesagt, wenn ein Verfahren später verkauft wird.

Die eine Frage, die du dem Anbieter stellen solltest

  • Welche Uhr wird verwendet? Kommt als Antwort „unser eigener Algorithmus“, gibt es nichts zu vergleichen — weder mit anderen Anbietern noch mit der veröffentlichten Forschung.
  • Erste oder zweite Generation? Ein Modell, das auf das Kalenderalter trainiert wurde, sagt über Gesundheit weniger aus als eines, das auf Krankheits- und Sterbedaten trainiert wurde.
  • Wird das rauscharme Rechenverfahren eingesetzt? Es bringt Wiederholungsmessungen von bis zu neun Jahren Abweichung auf unter 1,5 Jahre [2].
  • Was steht im Ergebnisbericht außer der Zahl? Ohne Angabe zu Messverfahren und Bezugsgruppe ist die Zahl nicht einzuordnen.

Wie zuverlässig sind die Werte?

Hier wird es unbequem. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2022 hat geprüft, was passiert, wenn man dieselbe Probe zweimal durch dieselbe Uhr schickt. Bei sechs verbreiteten epigenetischen Uhren lagen die beiden Ergebnisse durch technisches Rauschen um bis zu neun Jahre auseinander [2].

Neun Jahre. Nicht zwischen zwei Menschen, nicht zwischen zwei Zeitpunkten — zwischen zwei Messungen desselben Materials.

Die Arbeit liefert auch eine Lösung: Ein verändertes Rechenverfahren, das nicht einzelne Messpunkte auswertet, sondern zuerst die gemeinsamen Grundmuster vieler Messpunkte bildet (Hauptkomponenten), bringt die meisten Wiederholungsmessungen auf eine Abweichung von unter 1,5 Jahren [2]. Nur: Welches Verfahren ein kommerzieller Anbieter einsetzt, steht selten im Prospekt.

Was daraus praktisch folgt

  • Ein Einzelwert sagt wenig. Die Nachkommastelle im Ergebnis suggeriert eine Präzision, die die Methode nicht hat.
  • Eine Veränderung nach einer Maßnahme — „drei Jahre jünger nach dem Programm“ — kann vollständig Messrauschen sein.
  • Werte verschiedener Anbieter sind nicht vergleichbar. Sie beruhen auf unterschiedlichen Uhren mit unterschiedlichen Bezugsgruppen.
  • Es gibt keinen anerkannten Referenzbereich, wie ihn ein Blutwert hätte.

Telomertests und Blutwert-Panels — die beiden Nachbarn

Neben den epigenetischen Uhren werden zwei weitere Verfahren als „biologisches Alter“ verkauft. Beide sind etwas anderes.

Telomerlänge

Telomere sind die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen; sie werden mit jeder Zellteilung kürzer. Das klingt nach der naheliegendsten Altersuhr überhaupt. In einer Übersicht über molekulare Verfahren zur Altersschätzung schneiden allerdings die Methylierungsmodelle unter allen molekularen Ansätzen am besten ab — die Telomerlänge eingeschlossen [6]. Dieselbe Arbeit nennt als offenes Problem, dass die Verfahren zwischen verschiedenen Laboren noch nicht abgesichert sind. Sie stammt aus der forensischen Altersschätzung, nicht aus der Longevity-Beratung — die methodische Einordnung gilt trotzdem.

Blutwert-Panels

Diese Tests rechnen aus Routinelaborwerten eine einzelne Zahl. Der Ansatz ist nicht neu, im Gegenteil: PhenoAge wurde genau so gebaut — aus Blutwerten und Alter [3]. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Einzelwerte sind standardisiert, jeder Hausarzt kann sie erheben, und man weiß bei jedem, was er bedeutet.

Genau darin liegt aber auch der Einwand. Wenn Blutdruck, Blutzucker und Blutfette in ein zusammengesetztes „Alter“ verrechnet werden, geht die Information verloren, welcher Wert auffällig war — und damit die einzige Angabe, mit der sich etwas anfangen lässt. Die Einzelwerte sind nützlicher als ihre Summe.

Was stattdessen aussagekräftig ist

Das Bedürfnis hinter dem Test ist berechtigt: Man möchte wissen, wo man steht. Nur gibt es dafür Messgrößen, die standardisiert, wiederholbar und in ihrer Aussagekraft besser belegt sind:

  • VO₂max, die maximale Sauerstoffaufnahme — in einer Auswertung von 122.007 Belastungstests stärker mit der Sterblichkeit verknüpft als Rauchen oder Diabetes.
  • Kraft und Muskelmasse — einfach zu prüfen, direkt trainierbar, siehe Krafttraining und Griffkraft messen.
  • Blutdruck und Blutzucker — beim Hausarzt, kostet fast nichts, mit klaren Grenzwerten; siehe Herz-Kreislauf-Gesundheit.
  • Ausgewählte Blutwerte — etwa Vitamin D, Ferritin (der Eisenspeicherwert), Homocystein (ein Eiweißbaustein, der bei Mangel an B-Vitaminen ansteigt) und der Omega-3-Index (der Anteil der Omega-3-Fettsäuren in den roten Blutkörperchen), siehe Mikronährstoffe.

Diese Werte haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber der epigenetischen Uhr: Man weiß nicht nur, wo man steht, sondern auch, was sie verändert. Welche fünf Größen ab 40 zählen, steht unter Longevity ab 40.

Wann ein Test trotzdem Sinn ergibt

Als Anstoß kann er funktionieren — wenn man weiß, worauf man schaut. Wer einen Test macht, sollte beim selben Anbieter und Labor bleiben, größere Abstände wählen als ein paar Monate, und das Ergebnis als grobe Einordnung lesen, nicht als Diagnose.

Was ein solcher Test nicht ist: eine medizinische Untersuchung. Er ersetzt keine Vorsorge, keine Blutwerte und kein ärztliches Gespräch. Auffällige Ergebnisse gehören nicht in ein Selbstoptimierungsprogramm, sondern zum Arzt.

Häufige Fragen

Was misst ein Test des biologischen Alters?

Er liest chemische Markierungen an der DNA, sogenannte Methylgruppen. Deren Muster verschiebt sich im Lauf des Lebens regelmäßig genug, dass sich daraus ein Alterswert berechnen lässt. Gemessen wird also ein Muster, das mit dem Lebensalter zusammenhängt — nicht Fitness, Gesundheit oder Krankheitsrisiko.

Wie genau sind die Ergebnisse?

Deutlich ungenauer, als die Darstellung mit Nachkommastelle nahelegt. In einer Untersuchung von 2022 wichen zwei Messungen derselben Probe bei sechs verbreiteten Uhren allein durch technisches Rauschen um bis zu neun Jahre voneinander ab. Ein verbessertes Rechenverfahren bringt die meisten Wiederholungen auf unter 1,5 Jahre — welches Verfahren ein Anbieter nutzt, ist aber selten angegeben.

Kann ich mein biologisches Alter senken?

Der gemessene Wert lässt sich beeinflussen, das ist gezeigt. Ob eine Verbesserung im Test aber echte Veränderung oder Messrauschen ist, lässt sich am Einzelergebnis nicht unterscheiden — gerade bei Abständen von wenigen Monaten. Belastbarer sind Größen wie Ausdauerleistung, Kraft, Blutdruck und Blutzucker.

Lohnt sich ein Test für zu Hause?

Als Anstoß kann er funktionieren, als Messinstrument nur eingeschränkt. Wer ihn macht, sollte beim selben Anbieter und Labor bleiben, größere Zeitabstände wählen und das Ergebnis als grobe Einordnung lesen. Eine medizinische Untersuchung ersetzt er nicht.

Quellen

  1. Horvath S.: DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biology 14(10), 2013 — die erste gewebeübergreifende epigenetische Uhr. PubMed
  2. Higgins-Chen A.T. et al.: A computational solution for bolstering reliability of epigenetic clocks: implications for clinical trials and longitudinal tracking. Nature Aging 2(7), 2022 — technisches Rauschen erzeugt Abweichungen von bis zu neun Jahren zwischen Wiederholungsmessungen; Hauptkomponenten-Verfahren bringt die meisten unter 1,5 Jahre. PubMed
  3. Levine M.E. et al.: An epigenetic biomarker of aging for lifespan and healthspan. Aging (Albany NY) 10(4), 2018 — DNAm PhenoAge, gebildet aus Blutwerten und Alter; die Universität hat darauf eine Patentanmeldung eingereicht, zwei Autoren sind als Erfinder benannt. PubMed
  4. Lu A.T. et al.: DNA methylation GrimAge strongly predicts lifespan and healthspan. Aging (Albany NY) 11(2), 2019 — zusammengesetzt aus sieben methylierungsbasierten Schätzern für Bluteiweiße und geschätzten Rauch-Packungsjahren. PubMed
  5. Belsky D.W. et al.: DunedinPACE, a DNA methylation biomarker of the pace of aging. eLife 11:e73420, 2022 — Tempo des Alterns aus 19 Organfunktionen der Dunedin-Geburtskohorte 1972/73; Messstellen mit schlechter Wiederholbarkeit wurden ausgeschlossen. PubMed
  6. Zaatar M.T. et al.: Molecular Age Estimation: Current Perspectives and Future Considerations. International Journal of Molecular Sciences 27(7), 2026 — Übersicht aus der forensischen Altersschätzung; Methylierungsmodelle schneiden unter den molekularen Verfahren einschließlich Telomerlänge am besten ab, die Absicherung zwischen Laboren steht aus. PubMed

Zuletzt geprüft am 29. August 2026

Über den Autor

Sebastian Korbmann, Gründer von Elixior, Porträt vor grünem Hintergrund

Sebastian Korbmann
Gründer von Elixior

Ich schreibe die Beiträge auf elixior.de und recherchiere die Studien, auf die sie sich stützen. Ich bin weder Arzt noch medizinische Fachkraft — was hier steht, ist belegt und mit Quellen versehen, ersetzt aber keine ärztliche Beratung. Wenn dir ein sachlicher Fehler auffällt, schreib mir gerne.